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Kritiken zum Film:


Mörder auf Amrum


2010-06-24: Hamburger Krimipreis 2010

Begründung der Jury:
Originell verquickt Markus Imbodens schräge Nordsee-Variante von „High Noon“ Elemente aus Thriller und Komödie. Ein ungewöhnlichesSpiel mit dem Genre, das brillant seinen makabren, ja mitunter geschmacklosem Humor mit Bildern einer touristischen Idylle zwischen Reetdachhaus und Dünenhafer und frech-trockenen Dialogen konterkariert. Wenn hier eine Postbeamtin erschossen wird, lautet der Kommentar des Polizisten unsentimental: „Damit ist wenigstens das Postgeheimnis wiederhergestellt.“
Innovativ, verspielt und enorm einfallsreich bereichert „Mörder auf Amrum“ die mitunter eingefahren Formen üblicher Fernsehkrimis, die sich im Koordinatenetz zwischen sozialer Befindlichkeit und inhaltlichen Zwängen verfangen.
Eine moderne Handlung, die um das Zeugenschutzprogamm einer jungen Moldawierin zum Schutz vor der Russen-Mafia kreist, eine spannungsreiche Inszenierung mit Tempo, skurrile Charaktere (alle gespielt von herausragenden und gut geführten Schauspielern), das pfiffige Drehbuch von Holger Karsten Schmidt, das munter Volten schlägt, ein liebevolles und (äußerst) überraschendes Ende: „Mörder auf Amrum“ ist mit seiner unbekümmerten Respektlosigkeit dem Genre gegenüber ein Glückfall. - Herzlichen Glückwunsch!

2010-01-11: Der Tagesspiegel

von tgr:
Fast wie bei den Coen-Brüdern: Der ZDF-Krimi „Mörder auf Amrum“ mit einem grandiosen Hinnerk Schönemann und Barbara Rudnik in ihrer letzten Rolle.

Das ist mal ein skurriler Stammtisch: Malte erschießt seine Hühner mit der Schrotflinte, um sie den Touristen als Fasanenbraten zu verkaufen. Die Post-Angestellte Carla kennt dank versierten Umgangs mit dem Bügeleisen den Inhalt jeden Briefes. Single Sönke ist nur bedingt Single, zu Hause wartet im Doppelbett die ebenso vollbusige wie aufblasbare Dolly. Und Bestattungsunternehmer Jörg sehnt sich mangels Aufträgen nach Leichen. Dieser Wunsch soll in „Mörder auf Amrum“ in Erfüllung gehen.
Der Film von Markus Imboden (Regie) und Holger Karsten Schmidt (Buch) ist ein wunderbar garstiges Kleinod im deutschen Krimifernsehen, komisch und grotesk, voller schräger Figuren und mit Momenten echten Schreckens – man wähnt sich zeitweise in einem Film der Brüder Coen. Die Polizisten sind eine eigene Spezies, nicht die typischen Ermittler, die ins eigene Privatleben verstrickt sind, schon gar keine zupackenden Cops, die sich gerne ins Getümmel werfen. Helge kehrt gerade von einem Ausflug aus Berlin zurück nach Amrum. Er freut sich auf seine Heimatinsel, seine Freunde vom Stammtisch und Gastwirtin Lona. Wie der Sand in den Sanduhren, die Helge seiner Angebeteten seit Kindestagen schenkt, rieselt die Zeit im Leben der Inselbewohner gleichmäßig herab. Ist die obere Füllung der Sanduhr leer, dreht man sie um, das Ganze geht von vorne los. Was soll hier schon passieren?
Zum Beispiel das: Am nächsten Tag taumelt eine angeschossene BKA-Beamtin in die Dienststube der Polizei, begleitet von der jungen Mathilda (Irina Potapenko), die eine Aussage in einem Mordprozess machen soll. Der Zeugenschutz ist aufgeflogen, am Tatort finden sich ein toter Polizist und zwei tote Killer. Als kurz darauf die angeschossene Kollegin das Zeitliche segnet, sind Helge und sein Vorgesetzter Heinz (Thomas Thieme) mit der Frau allein auf der Insel. Es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Insel-Schupos und Russen-Mafia. Ein Sturm verhindert die Flucht vor den nachrückenden Mordbuben. Gefangen auf der Insel, nehmen Helge und seine Stammtisch-Runde den Kampf mit dem organisierten Verbrechen auf.
Dass der Irrwitz dieses Films ebenso komisch wie wahrhaftig wirkt, ist insbesondere das Verdienst von Hauptdarsteller Hinnerk Schönemann, der Mann für ulkige Polizisten („Dr. Psycho“, „Marie und …“). Sein unsicherer Helge muss über sich hinauswachsen, wenn die Zeugin überleben soll. Schönemanns Art, zu sprechen und sich zu bewegen, trifft diese Gratwanderung genau: Immer am Abgrund entlang, ohne viel Aufhebens zu machen. Das Talent für schräge Figuren hat er ohnehin, man glaubt Helge sofort, dass er ständig die Katastrophe vor Augen hat, aber nur ein einziges Mal wirklich böse wird: als sich der Killer abfällig über Amrum äußert. Und dann ist da noch Barbara Rudnik. Die Rolle der neugierigen Postbeamtin war die letzte, die sie spielte. Wenige Wochen nach den Dreharbeiten starb die Schauspielerin am 23. Mai 2009 an Krebs. Vielleicht hätte man sich einen schöneren Film-Abgang für Barbara Rudnik gewünscht, aber „Mörder auf Amrum“ zählt definitiv zu den Filmen, die ihre lange Mitwirkungs-Liste schmücken.

2010-Januar: kino.de

von tpg:
Dieser Nordsee-Western ist schon die vierte gemeinsame Arbeit von Holger Karsten Schmidt und Markus Imboden. So makaber wie diesmal haben sie es in den gemeinsamen Werken allerdings noch nie getrieben.
Derart grimmiger Humor ist ziemlich selten im deutschen Fernsehen. Flapsig kontert der Polizist das Ultimatum des Geiselgangsters mit den Worten, er habe die gefangene Postbotin ohnehin noch nie leiden können. Als der Killer die Frau ohne großes Federlesen tatsächlich umbringt, stellt der Beamte später trocken fest, jetzt sei wenigstens das Briefgeheimnis wiederhergestellt. Dabei ist dieser Helge Vogt alles andere als ein cooler Hund, der kaltblütig über Leichen geht. Eigentlich ist er sogar ein ziemlich unscheinbarer Held, ein einfacher Polizist auf der Nordseeinsel Amrum, der angesichts einer außergewöhnlichen Bedrohung über sich hinauswachsen muss: Schergen der russischen Mafia wollen eine junge Moldawierin töten, die im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms auf der Insel untergetaucht ist. Die Killer kennen keine Gnade; zwei BKA-Beamte und Helges Chef haben sie schon auf dem Gewissen. Jetzt ist der junge Mann völlig auf sich allein gestellt: Wegen eines Orkans ist Hilfe vom Festland nicht möglich; und seine Freunde haben angesichts der Skrupellosigkeit der Eindringlinge die Waffen gestreckt. Einzig der Bestatter steht Helge zur Seite; gemeinsam nehmen sie den ungleichen Kampf auf.
Die Filme von Holger Karsten Schmidt und Markus Imboden („Der Mörder ist unter uns“, „Mörderische Erpressung“, „Der Tote in der Mauer“) sind ausnahmslos ungewöhnliche Krimis. In diesem Fall wird die Fallhöhe noch verstärkt durch den Schauplatz: Auf der Insel gibt es kein Entkommen. Außerdem wirkt das Eiland jenseits der touristischen Hochsaison unglaublich trostlos; die Bildgestaltung (Peter von Haller) verstärkt diese Unwirtlichkeit noch. Um so skurriler mutet ein Dialog zwischen dem Killer-Chef (Roeland Wiesnekker) und dem Provinzpolizisten an, als der Gangster Amrum als „armselig“ bezeichnet und sich Helge erst dann auf Verhandlungen einlässt, als der Russe die Beleidigung zurücknimmt.
Wie schon in „Mörderische Erpressung“ ist Hinnerk Schönemann die ideale Besetzung für den etwas naiv wirkenden Beamten, den auch diverse Schusswunden nicht daran hindern können, die junge Frau (Irina Potapenko) zu beschützen. Die Filme sind trotzdem schon allein dank des oftmals subtilen schwarzen Humors in „Mörder auf Amrum“ völlig unterschiedlich. Die verschiedenen Schießereien hingegen hat Imboden angemessen packend inszeniert, so dass sich zwischen Thriller und Komödie ein zusätzliches Spannungsverhältnis ergibt. Nicht nur wegen der Parallelen zu „High Noon“ ein überaus reizvoller Nordsee-Western mit einem verblüffenden Happy End. tpg.

2010-01-11: Süddeutsche Zeitung

von Barbara Gärtner:
Das ZDF macht alles richtig: Ein Nord-Western über Russen-Mafia-Killer. Das gelingt. Ein seltenes Glück in den Zuschauer-Unterforderungsmühlen des deutschen Fernsehens.
Touristen sind ein mieses Geschäft. Im Todesfall werden sie nur nach Hause geschafft, brauchen keinen Sarg, keinen Balsam, kein Post-Mortem-Gepuder; Jörg, der Insel-Bestatter, ist kurz vor pleite. Auf Amrum wird einfach zu wenig gestorben. So wie sich im Winter überhaupt recht wenig tut auf der aschblond-struppigen Nordseeinsel: Nur der Wind pfeift ewig stur übers Dünengras und die Schafe blöken blöde. Verwandert sich ein Schweizer Urlauber im Watt, erzählt man sich das noch Wochen später am Stammtisch. Beim BKA hat man die Eiland-Einöde deshalb als Unterschlupf für ein Mädchen im Zeugenschutzprogramm ausgesucht. Doch mit der Zeugin springen Russen-Mafia-Killer von der Fähre, Bestatter Jörg ist der Einzige, der sich darüber irgendwie freut. Eine Insel ist im Verfolgungsfall ein ungutes Versteck. Bei Unwetter kommt keiner fort, das Mädchen nicht und auch nicht die Mörder. So muss Juniorpolizist Helge, sonst eingeteilt zum Bodenwischen und Kaffeekochen, die junge Dame retten.
Schaut man Mörder auf Amrum, zahlt man die Fernsehgebühren wieder eine Weile ganz unverzagt. Charmant hätte man früher diesen Nord-Western von Markus Imboden genannt, bevor die Immobilienmakler das Wort entführten. Über jede Figur wüsste man gerne ein wenig mehr, aber wie bei einer Raymond-Carver-Kurzgeschichte gehört das Unerzählte zur Story (Buch: Holger Karsten Schmidt) - ein seltenes Glück in den Zuschauer-Unterforderungsmühlen des deutschen Fernsehens. Schon Helge (großartig: Hinnerk Schönemann), der zaudernde Held, ist das Gegenteil vom Fernseh-Stecher, recht verkniffen, entscheidungsschwach und klavierklimpernd zartfühlend. Der sacht angeschmachteten Kneipenwirtin Lona schenkt er Sanduhren, im Stressfall muss er kotzen, richtig rasend wird er nur, wenn man die Herzdame oder die Heimatinsel verunglimpft. Die Mittrinker an der Stammtischrunde - Postbotin Carla (Barbara Rudnik in ihrer letzten Rolle), die alle Briefe vor dem Zustellen öffnet, Gummipuppen-Galan Sönke (Simon Schwarz) oder Heini, der Hauptkommissar (Thomas Thieme) - sind keine Hilfe. Entweder sterben sie zu früh oder sie sind feige. Nur Bestatter Jörg hält die Flinte gegen den Wind wie ein tapferer Nordfriesland-Cowboy. Im klassischen Western ist der Retter entweder naiv, verbittert oder ein eitler Gockel. Solche Charaktere leiden nicht, also leidet man als Zuschauer kaum mit. Mit Helge, dem Zauderer, aber schon. Am Ende wird die Inselruhe von einer Sexpuppe gerettet. Die Bösen sterben, die Guten heiraten, der Wind weht durchs hohe Gras. So war es immer schon und so wird es immer sein, im Wilden Westen und auch in Nordfriesland. Mörder auf Amrum

2010-Januar: Primetime Quotencheck

Das ZDF belegte den ersten Platz bei allen Zuschauern, denn «Mörder auf Amrum» wurde von 7,47 Millionen Bundesbürgern gesehen. Der Marktanteil belief sich auf spitzenmäßige 21,4 Prozent, bei den 14- bis 49-Jährigen wurden 10,0 Prozent eingefahren.

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