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Kritiken zum Film:

AUSGERECHNET ZOÉ



1994-09-23: Frankfurter Allgemeine Zeitung

von Hans Scherer:
Blumen in der Schiffsspur - Und Zigarren gegen den Tod: "Ausgerechnet Zoé" (ARD)
Ohne den albernen Reihentitel "Wilde Herzen" wüßte der Kritiker gar nicht, was er an dem Fernsehfilm "Ausgerechnet Zoé" von Markus Imboden herummäkeln sollte. Diese marktschreierischen Reihen und Reihentitel sind die jüngste Mode im deutschen Fernsehen: Für den seltenen Fall, daß es sich einmal nicht um eine der vielen flachgeistigen Serien handelt, haben unterbeschäftigte Fernsehredakteure die "Reihe" erfunden, die dann Namen trägt wie "Schicksalhafte Begegnungen" oder "Geschichten, die das Leben schreibt" und so weiter, damit sich kein Stück heraushebe aus der üblichen, von den Redakteuren noch eben überschauten Niederung. Dem Film "Ausgerechnet Zoé" willkürlich die Reihe "Wilde Herzen" überzustülpen, war besonders ärgerlich und zeugt von einem sträflichen Mangel an Sensibilität. Denn dieser Film, wahrhaftig ein Einzelstück, ist von erstaunlicher Feinheit in Zeichnung und Beobachtung der Figuren. Ein Kammerspiel, das zuweilen aufbricht in Lebensgier, dann wieder verhält in Ratlosigkeit und stummem Erschrecken. Die Studentin Zoé erfährt nach einem Test, daß sie HIV-positiv ist. Sie reagiert mit gleichsam gesträubtem Gefieder, unvernünftig. Sie gibt ihr Studium auf. Sie macht ihrem treuen, gutwilligen Freund das Leben schwer. Sie trinkt. Sie nimmt Drogen. Sie treibt es hintereinander mit fünf, sechs Männern. Zuweilen sieht es so aus, als genieße sie es, die Menschen ihrer Umgebung zu schockieren. Dann wieder sackt sie zusammen und verzieht sich in ihr Mädchenzimmer zu ihrer Mutter, die wohl der einzige Mensch ist, dem sie nichts von ihrer Krankheit sagt. Dieses Aufflackern und Verlöschen, dieses hoffnungslose, letzte Sichwehren vor der Ergebenheit, vor dem Tod - Nicolette Krebitz in der Rolle der Zoé liefert eine eindrucksvoll konzentrierte Schauspiel-Studie. Henry Arnold, das "Hermännchen" aus der "Zweiten Heimat" von Edgar Reitz, spielt den Freund der Zoé, als sei dies nun die "Dritte Heimat". Das Ende des Films kommt überraschend, fast burlesk. Nicht Zoé wird krank oder stirbt, sondern ihre Freundin (Caroline Redl) erleidet einen tödlichen Verkehrsunfall. Die Seebestattung - die Blumen, die man in die Schiffsspur wirft - ist eine der ergreifendsten Szenen des Films. Die letzte Szene voll bitterem Humor: Der Freund der Freundin sitzt neben Zoé, die jetzt Tagebuch führt und sich auf das Rauchen langer Brasilzigarren verlegt hat. "Ich mag keine Zigarren", sagt der Freund. Zoé reicht ihm die Zigarrenkiste, aus der er gedankenlos eine Zigarre nimmt, sie entzündet und zu rauchen beginnt

1994-09-21: Süddeutsche Zeitung

von Roland Timm:
Der Stoff, aus dem die Alpträume sind
'Ausgerechnet Zoé': Markus Imbodens drastischer Film über eine aidsinfizierte junge Frau.
Ein schöner Wintertag irgendwo an der Nordsee. Schneereste verzieren die sonnenbeschienene Dünenlandschaft, etwas Unwirtliches liegt in der leicht diesigen Luft. Aus der Ferne sieht man langsam eine junge Frau heranradeln, offenbar kommt sie von dem reetgedeckten Ferienhaus dort hinten. Kaugummikauend betritt sie die nächstgelegene Telephonzelle, läßt sich mit jemandem verbinden, der ihr Wichtiges mitzuteilen hat. Es kann nichts Schlimmes sein, sonst wäre die Frau nicht so unbekümmert. Erst als ihr die gute Laune mit einem Mal vergeht, ist klar: Damit hat sie nicht gerechnet, das ändert alles. Zoé ist Anfang 20 und studiert Psychologie. Mit Kommilitonen verbringt sie ein paar Tage am Meer, vorher hat sie noch einen Schwangerschaftstest machen lassen. Ist das Ergebnis nun doch eine böse Überraschung für sie? Wenn es das noch wäre. Aber Zoé beginnt an einem ganz anderen Befund zu verzweifeln: Sie ist HIV-positiv. Soll sie's ihrem Freund Mike sagen, der treuen Seele? Wie überhaupt weiterleben mit der Ungewißheit, wann die Krankheit ausbricht? Zoé will es jetzt erst recht wissen. Sucht sich ihre Liebhaber, wo sie zu haben sind, reizt ihr Leben bis an die Grenzen aus, läßt es zum Äußersten kommen. Alles ist erlaubt, nur eine Regel gilt: Zoé muß ehrlich zu sich und zu anderen sein, auch zu ihrem Freund. Doch den neuen Lebenssinn findet sie darin nicht. Der Körper kommt noch einmal zu seinem Recht, dafür geht die Seele um so schneller zugrunde. So extrem das alles klingt - frei erfunden ist der Stoff nicht. Markus Imboden, Jahrgang 1955, hat ihn nach einer unveröffentlichten Kurzgeschichte verfilmt, die eine Bekannte ihm zu lesen gab, als sie bereits an Aids erkrankt war. Der Schweizer Regisseur, für den 'Ausgerechnet Zoé' die erste größere Arbeit fürs Fernsehen ist, hatte ursprünglich an einen Kinofilm gedacht, nach 'Bingo' (1990) wäre es sein zweiter gewesen. Doch habe er damit nicht bei den 'konservativen' Schweizer Filmfördergremien landen können. Allein schon, daß eine Frau im Zusammenhang mit Aids die treibende Kraft ist - 'so etwas darf man nicht machen', weiß Imboden aus Erfahrung. Nicht zu vergessen die manchmal schon sehr drastischen Dialoge, die genauso dazugehören wie ganz leise Stellen von großer Traurigkeit. Daß er vom NDR bereits nach zwei Tagen eine positive Antwort bekam, war für Imboden 'wie Weihnachten'. Ein 'kleines Wagnis' ist mit dem Film indes auch für die ARD verbunden, das will die zuständige NDR-Redakteurin Doris Heinze gar nicht verhehlen. 'Natürlich haben wir uns gefragt, ob solch ein Film überhaupt in die Reihe ,Wilde Herzen' paßt, wo sonst ja eher freche Komödien für ein junges Publikum laufen. Mir wäre ein etwas späterer Sendetermin auch lieber gewesen. Aber mit den Problemen, die hier beschrieben werden, können sich viele junge Leute genauso identifizieren, glaube ich.' Nicolette Krebitz, zuletzt in 'Schicksalsspiel' zu sehen, ist Zoé. Ihren Freund Mike spielt 'Heimat'-Darsteller Henry Arnold

1994: Lexikon des Internationalen Films

Eine dramatische Geschichte, die zu einem spannenden, erstaunlich unverklemmten, bisweilen sogar komödiantischen Spiel geformt wurde, das dem Ernst seiner Thematik jedoch immer gerecht wird, nach überraschenden Antworten sucht und zu einem Plädoyer der Hoffnung wird.

1994: prisma.de

Ein gelungenes TV-Drama mit glänzenden Darstellerleistungen, von Markus Imboden mit viel Fingerspitzengefühl in Szene gesetzt. In der Rolle der jungen Zoé glänzt Nicolette Krebitz, die die Figur mit einer derartigen Intensität verkörpert, das sie dafür vollkommen zu Recht den Grimme-Preis erhielt.

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