Kritiken zum Film:
DER VERDINGBUB
2011-11-03: Neue Zürcher Zeitung
von Alexandra Stäheli:
Nach der Aufarbeitung des zweifelhaften Umgangs der Schweiz mit den Kindern von Fahrenden, die zwischen 1926 und 1972 in dem Pro-Juventute-Projekt «Kinder der Landstrasse» ihren Eltern entrissen und bei sesshaften Pflegeeltern untergebracht wurden, ist nun in jüngster Zeit eine weitere grosse alte Wunde in Helvetias Fleisch wieder aufgeplatzt: Die amtliche Handhabung der Verdingkinder, die sich in ihrer Ideologie und Praxis wohl ganz ähnlich der Zwangsunterbringung jenischer Kinder abgespielt haben mag, beschäftigt die Historiker nun seit einigen Jahren. Und spätestens seit die Ausstellung «Verdingkinder reden», ein vom Verein Geraubte Kindheit ausgerichtetes Oral-History-Projekt, durch Schweizer Städte tourt, sind die Biografien und Schicksale armer oder verwaister Kinder vor unseren Augen in einer Weise plastisch geworden, die man eigentlich nicht mehr mit dem 20. Jahrhundert assoziieren würde. Tatsache jedoch ist, dass das Verdingen von Kindern bis in die fünfziger Jahre hinein als eine gängige Praxis zur Armutsbekämpfung gegolten hat: So wurden jährlich laut Schätzungen bis zu 10 000 Kinder aus finanziellen Zwängen vor allem an landwirtschaftliche Betriebe weggegeben, wo sie für Kost, Logis und ein kleines bisschen Familienwärme meist sehr hart arbeiten mussten.Inwiefern diese rauen Lebensumstände auch die Herzen der Betroffenen härten mussten, inwiefern sich also der konstante Mangel am Nötigsten nur als ein gefrässiges Loch in die Psyche der Menschen einschreiben konnte, damit befasst sich nun Markus Imbodens Film «Der Verdingbub» – ein stilles, klares Drama, das in den fünfziger Jahren spielt und einer Reihe von Katastrophen mit der Unerbittlichkeit eines Uhrwerks entgegentickt. Dabei stimmt uns schon die erste Einstellung auf eine Reise ins endlose Herz der Finsternis ein: Auf einem Hof wird da eine Leiche schweigsam und routiniert in ein Tuch gewickelt und in einem Sarg holpernd abtransportiert. Bald darauf kommt ein neuer Bub auf den Hof. Der müsse nun aber länger halten als der letzte, mahnt der Pfarrer (Andreas Matti) die Bösigerin (Katja Riemann) zum Abschied und nimmt gierig den Korb mit Esswaren entgegen.
Die Bäuerin nickt stumm, und man würde ihr gerne glauben, was sie selbst so gerne glauben würde: dass sie dem zwölfjährigen Waisenkind Max (Max Hubacher) auf der Dunkelmatte ein neues Zuhause und den Anschluss an eine richtige Familie geben möchte. Tatsächlich zeigt sich Max' Situation im ersten kurzen Augenblick auch gar nicht so düster (auch wenn die Bilder längst schon anderes raunen): Der Knabe darf seine eigene kleine Kammer beziehen, er kann zu dem wortkargen, strengen und dauerbetrunkenen Bösiger (Stefan Kurt) eine stumme Beziehung aufbauen – und die neue Lehrerin aus der Stadt (Miriam Stein) erkennt und fördert behutsam sein aussergewöhnliches Talent im Handörgeli-Spiel. Doch als auch das Mädchen Berteli (Lisa Brand) auf die Dunkelmatte verdingt wird, sieht Max seine fragile Position innerhalb der Familie in Gefahr und muss erkennen, dass er in Bösigers Sohn Jakob (Max Simonischek) offenbar einen ganz besonders grausamen Feind gefunden hat, der vor keiner Seelenqual zurückschreckt.
Aus 100 000 wahren Schicksalen soll Drehbuchautor Plinio Bachmann laut dem Filmtrailer diese traurige Geschichte von Max und Berteli extrahiert haben, wobei er aus jeder kleinen biografischen Notiz das höchste Quantum an Tragik und Tränensalz destilliert haben muss. So reihen sich denn die Szenen für den Zuschauer in diesem Anti-Heimatfilm – der an die sozialkritischen Schweizer Dramen der achtziger Jahre erinnert – bald zu einem Parcours von psychischen Faustschlägen, bis einem ganz stumpf ums Herz wird. Wenn sich Max aber nach all dem unermesslichen Leid am Ende überraschend als widerstandsfähig erweist und er zwar innerlich aufgewühlt, aber ungebrochen einem neuen Leben entgegenreisen kann, dann verlässt Imboden in den letzten Minuten seines Films den dunklen Realismus, den er uns zuvor so eifrig eingepeitscht hat, zugunsten eines fast schon hollywoodschen Happy Ends – und man fragt sich beim Verlassen des Kinosaals, ob für diese märchenhafte Wendung nun der ganze Apparat an Betroffenheit und Empathie hat angeworfen werden müssen.
2011-Dez.: outnow.ch
von der Redaktion:
Es ist ein trauriges Schicksal, welches viele Jungen und Mädchen zwischen 1800 und 1960 erleiden mussten: Meistens Waisen- und Scheidungskinder, wurden sie den Verwandten weggenommen und von den Behörden auf einem Verdingmarkt versteigert. Den Zuspruch bekam dann jene Familie, die am wenigsten Kostgeld verlangte. Mit diesem System ist natürlich klar, dass es diesen Kindern danach nicht wirklich gut ging. Die Versteigerung wurde zwar zu Beginn des 20. Jahrhunderts verboten, aber die Praxis des Verdingens blieb. Regisseur Markus Imboden rollt nun dieses dunkle Kapitel der Schweizer Geschichte nochmals auf und hat damit schlichtweg den packendsten Schweizer Film seit langem inszeniert.Vor allem dramaturgisch macht Imboden vieles richtig. Er setzt den Zuschauer einem Wechselbad der Gefühle aus, und indem er immer nah bei seinen Protagonisten bleibt, ist dies beinahe unangenehm fühlbar. Hoffnung kommt auf, wird dann aber wieder von der harten Realität zerschlagen. Leicht hätte es passieren können, dass er hier mit Übertreibung über das Ziel hinaugeschossen hätte. Doch auch weil Imboden die vermeintlich böse Familie nicht einfach zur Teufelssippe macht, geschieht dies nicht. Einzig der Sohn der Familie, Jakob, gespielt von Maximilian Simonischek, vereint etwas zu viele Klischees auf sich, wie übrigens auch die überidealistische Lehrerin, die aber trotzdem von Miriam Stein überzeugend verkörpert wird. Allgemein sind die schauspielerischen Leistungen von hoher Qualität. Mit Theaterschauspiel, wie es vielen Schweizer Filmen vorgeworfen wird, hat dies nicht mehr viel zu tun.
Um den Film auch in Deutschland zu verkaufen, wurde für die Rolle der Mutter Katja Riemann engagiert. Da diese aber nicht gerade sattelfest im Schweizerdeutsch ist, mussten ihre Passagen nachsynchronisiert werden. Obwohl man sich dabei Mühe gegeben hat, passt es einfach nicht. Alleine mit der Körpersprache holt Riemann noch einiges aus ihrer Figur heraus, doch es wäre besser gewesen, eine Einheimische für den Part zu verpflichten.
Optisch orientiert sich Der Verdingbub an den letzten grossen Schweizer Filmen. Ähnlich wie bei Cargo, Sennentuntschi oder One Way Trip 3D ist hier vieles düster gehalten. Hier konnte sich Imboden ganz auf die Künste eines Peter von Haller verlassen, der schon für die Kameraarbeit bei Anatomie und Silentium verantwortlich war. Er weiss genau, wie er dieses Auf und Ab der Gefühle einfangen muss, und auch dank ihm bleibt das Werk über die ganze Spielzeit beklemmend.
Fazit: Der Verdingbub ist ein starkes Stück Schweizer Kino, der von der Thematik her sicher nicht einfach ist. Doch trotzdem ist ihm ein Erfolg zu gönnen, denn Vergangenheitsbewältigung ist selten angenehm, dafür aber wichtig. Das Schauspiel ist auf einem hohen Niveau, wie auch die Optik. Einzig der Schluss ist nicht mehr ganz auf dem gleichen Level, doch dies kann man diesem tollen Film verzeihen. Und wehe dem, der danach behauptet, dass früher alles besser gewesen sei.
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2011-November: Diverse
„Der andere Gotthelf – Markus Imbodens Film ist ein grosses Stück Kino.“ (Sonntags Zeitung, 23.10.11)„Ein Film wie eine Lawine – gewaltig, erdrückend – aber auch wunderschön.“ (Blick, 2.11.11)
„Packendes Gefühlsdrama von Markus Imboden, der beste Schweizer Film seit Jahren– 5 Sterne!“ (20 Minuten, 3.11.11)
„Es ist ein seltsam brüchiger Film. Als ob ein psychologischer Riss mittendurch ginge. Geradezu grobschlächtig wechselt die Inszenierung aus einer Differnziertheit, ... in eine Plakativität. ... Der Vedingbub macht manchmal einen irritierend spyrihaften Eindruck, wie ein in die Schwärze gestossenes „Heidi“. (Tages-Anzeiger, 26.10.11)
„Ungeschönt, packend, brilliant gespielt“ (Berner Zeitung, 29.10.11)
„Ein starker, eindrücklicher und auch (politisch) wichtiger Schweizer Film.“ (film-dienst, 25.10.11)
„Der Verdingbub führt ein unerhört hartes Kinderschicksal vor die Augen: realitätsnah, packend, verstörend schön bebildert und subtil, was die Schuldzuweisungen betrifft. (Schweizerbauer, 25.10.11)
„Der Verdingbub ... ist ein notwendiger Film. Man schämt sich danach nämlich ein wenig für dieses Land.“ (Der Bund, 26.10.11)